2011-03-10

krajewski

es war dienstag und es regnete.
krajewski hasste dieses wetter, er spürte sämtliche knochen und seine gelenke schmerzten schon, wenn er beim aufwachen die regentropfen an der scheibe sehen konnte. als kind sah er gern wie die tropfen mal langsam, mal schneller die scheibe hinunterrannten und sich dabei kleine rennen lieferten.

heute konnte er sie aus dem bett nur erkennen, wenn er seine aus der mode gekommene hornbrille aufsetzte. ihr gewicht hat im laufe der jahrzehnte eine gewaltige kerbe in seine nase geschnitzt.

es war 8:34 uhr, so lang hatte er schon einige wochen nicht mehr geschlafen.

in der nacht ist er mehrmals aufgewacht, er war ein getriebener, versuchte durch ständiges hin-und-herwälzen dem wachzustand zu entkommen, aber er musste ständig an sie denken.

heute vor genau zwei jahren ist sie gestorben. siebenhundertdreizig tage musste er ohne sie jeden einzelnen aufs neue überleben.

er brauchte 5 minuten bis er sich aufrecht hingesetzt hatte. jeden morgen bleibt er so noch einige minuten sitzen, schaut raus, atmet schwer und fischt mit seinen angeschwollenen füßen nach den ausgefransten pantoffeln.
manchmal entweicht seinem atmen ein tiefer seufzer, er mag den klang dieses seufzens irgendwie, auch wenn es ausdruck einer tiefschwarzen leere ist.

sie lag damals seit 3 wochen im hospiz. nach und nach verschwand sie in diesen wochen aus seinem leben. der krebs, die schmerzen und ein körper voller morphium ließen ihre erinnerungen und ihre liebe immer mehr verschwinden.

und doch fühlte krajewski sich in der sekunde in der ihr atem aus und ihr herz stehenblieb, als würde jemand eine plastiktüte über seinen kopf ziehen und ihm alle luft nehmen, er musste sich zwingen weiterzuatmen, ohne diesen überlebenstrieb hätte er wohl einfach, gemeinsam mit ihr, seine lungenfunktionen eingestellt.

er schaut auf ihre bettseite, sie wollte lieber an der wand und nicht am fenster schlafen, dort fühlte sie sich sicherer, ihre seite ist nicht bezogen, aber ihre lesebrille liegt noch immer auf dem nachttisch.

er schaut auf das rätselheft welches auf ihrer seite liegt, jeden morgen beantwortet er eine frage. er mag keine rätsel, aber sie liebte sie. er legt, nachdem er die frage nach einer ballsportart mit tennis beantwortet hat, das heft wieder auf ihre bettseite, es war ja ihr heft.

er zieht sich nur noch funktional an, sie achtete immer darauf, dass er gut gekleidet, alles sauber und ordentlich gebügelt war.
sein kühlschrank ist so gut wie leer und auf seinem frühstückstisch steht nur sein kaffeebecher, brot und butter. wie fast jeden morgen lassen seine zittrigen finger etwas kaffee auf sein hemd tropfen, es stört ihn schon gar nicht mehr.
die hoffnung, dass die stimme am anderen ende des tisches ihn darauf hinweist und mit einem lustigen satz verziert, hat er längst aufgegeben.

den ganzen tag verbringt er mit fernsehschauen, er versucht nicht an sie zu denken. oft hört er ihre stimme im gedanken, er schaltet dann den fernseher ganz laut.

er schaute sich fast alles an, hauptsache es konnte ihn betäuben.

um 19:22 uhr verliess er an diesem tag zum ersten mal das haus, er ärgerte sich das frau brandt aus dem 1. stock so früh schon die tür verschlossen hatte.
er ging zum kiosk gegenüber und kaufte sich drei flaschen bier. beim überqueren der strasse musste er immer aufpassen, vor zwei tagen wäre er beinahe überfahren worden, er war nicht mehr so schnell zu fuß und der weg zur ampel war ihm zu weit.
heute war es ruhiger, man konnte sogar seine grünen gummistiefel auf dem nassen asphalt hören.
er schloss die haustür auf putze sich die schuhe ab und liess die tür nur ins schloss fallen. seine frau mochte es nicht, wenn die haustür verschlossen war, sie war dann immer etwas unruhig und stellte sich vor, was passieren würde wenn es brennt.

nach einer ewigkeit war er oben angekommen und stellte die stiefel auf die fussmatte.

er ging in die küche öffnete sich eine flasche und nahm sich brot und speck und ein scharfes messer. er kochte nicht mehr. er war sich den aufwand nicht wert.

er ließ brot und speck auf dem küchentisch liegen und ging ins bad, er betrachtete sich lange im spiegel und kam sich so fremd vor.
seine zähne legte er ins glas und ging wieder zum fernseher, sein letzter verbündeter, herr telefunken.

er vermisste sie. er vermisste sie sehr. er wusste nie wie ein leben ohne sie funktionieren sollte und wünschte sich vor ihr zu sterben. er wusste es noch immer nicht.

er öffnete die zweite flasche und schaltete eine krimiserie ein, er liebte krimis schon als kind.

er vermisste wie sie mit ihm krimis schaute und bei mordszenen immer ihre hände vor die augen hielt.

er vermisste wie sie ihm sagte er solle nicht mehr so lange schauen, wenn sie schon vor ihm ins bett ging.

er vermisste wie sie ihm die kräftigen hände massierte.

er vermisste wie sie sich leise singend die haare machte.

er vermisste sie.

er schlief ein, die fernbedienung in seiner rechten hand.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

das gefällt mir sehr!
schöner schreibstil, traurige kurzgeschichte.