es war dienstag und es regnete. es war diese art leiser, weicher regen, ganz feine tropfen die man eher als nebelartiges gebilde in der luft schwebend wahrnimmt, keine bindfäden oder dergleichen. das gesicht wird auf eine ganz seltsame weise ganz nass. ich mag das, es ist so erfrischend und reinigend. ich war auf dem heimweg, es war schon dunkel und ab zu blieb ich stehen, schloss die augen und legte den kopf in den nacken. das feine nass breitete sich auf meinem gesicht aus und ich atmete mehrmals tief ein.
am kiosk kaufte ich sieben lakritzschnecken, die 7 ist meine lieblingzahl, dazu noch eine flasche wasser und zwei schokoriegel, damit es wieder eine gerade zahl ergab.
es war schon dunkel und kurz vorm meinem hauseingang rempelte mich ein betrunkener mann an, er ging einfach weiter, drehte sich noch nicht mal um, ich überlegte mir einige schlimme beschimpfungen, aber bevor ich etwas angemessenes fand, war er schon zu weit entfernt, als dass nicht alles lächerlich wirken würde.
die haustür war wieder einmal abgeschlossen, ab 21:00 uhr soll man diese verschließen sagt der zettel über den briefkästen, aber es war gerade mal 20:37 uhr.
immer der gleiche mist, getrieben von angsteinflößenden geschichten aus der tageszeitung und aktenzeichen xy schließen die senilen, leichtgläubigen nachbarn die verfluchte tür schon ab nachmittags ab.
ich tippe spontan auf krajewski aus dem zweiten stock, sein lauter fernseher bringt mich zu oft um den schlaf, ich glaube er schläft nie. immerzu höre ich den fernseher, vielleicht denkt er dann es sind andere menschen in seiner kleinen muffigen wohnung.
ich ließ die tür ins schloß fallen, schloss sie aber nicht ab, den zettel riss ich von der wand und stopfte ihn in krajewskis briefkasten.
meiner war voller werbung, diese verteilte ich schön gleichmäßig auf die anderen briefkästen.
sonst nichts, nicht ein brief wo mein name drauf stand, erschütternd.tausend leute wollen etwas von einem und keiner kennt deinen namen.
das treppenlicht liess ich wie immer aus und schlich leise hinauf.
es war sehr ruhig, im ersten stock standen wieder 5 verschiedene paar schuhe vor der tür, 3 kinder, himmel, wer will denn so was? glücklich sehen sie nicht aus die eltern der süßen kleinen. und die süßen auch nicht süß.
ich horchte ein wenig an der tür, ich hätte gern eine der üblichen streiterein belauscht, aber es tat sich rein gar nichts.
im zweiten stock war schon wieder der fernseher von krajewski zu hören, ich werde bald in seinem namen prospekte für hörgeräte bestellen, ich bestelle gern in ihren namen für die nachbarn dinge.
diese jagdgrünen gummistiefel standen auf seiner grauschwarzen fußmatte und dann fiel mir auf, dass sein wohnungsschlüssel in der tür steckte.
mindestens einmal die woche lässt er sie dort stecken.
normalerweise geh ich einfach weiter, aber diesmal überlegte ich zu klingeln.
dann dachte ich, dass er aufgrund defekter ohren die klingel bestimmt gar nicht hören wird.
ich schloss langsam die tür auf. es kam mir sofort eine irrsinns-heizungswärme entgegen.
der flur war nicht beleuchtet, nur im wohnzimmer war trotz angelehnter tür licht zu erkennen.
es war aufgeräumter als ich vermutet hatte, ich ging langsam und leise richtung wohnzimmer, aber vermutlich hätte ich auch mit steppschuhen, tanzend und singend wie fred astaire durch den flur springen können, mitbekommen hätte er nichts.
ich schaute durch den spalt, im fernseher lief eine krimiserie, den namen weiss ich nicht mehr, krajewski schlief und schnarchte. pantoffel an den füßen, eine dunkelblaue altherrenhose, ein hellblaues altherrenfreizeithemd, als hätten ältere menschen irgendetwas anderes als freizeit, und eine braune strickjacke, sie sah aus als würde sie tierisch kratzen.
ich ging nicht hinein, drehte mich um und schaute mich ein wenig in der wohnung um.
es sah hier aus wie bei oma, fünf jahre ist sie schon tot. aber hier hingen keine familienphotos, nichts was annähernd an verwandschaft erinnern könnte.
in der küche hing eine schöne alte uhr über dem esstisch mit integrierter eieruhr, so eine suchte ich schon lange auf den trödelmärkten dieser stadt.
auf dem tisch stand ein schneidebrett, darauf ein scharfes messer, ein großes stück bauernbrot und eine schönes rotes stück speck.
als ich klein war hat papa so was auch oft gegessen, ich weiss noch genau, wie er den speck oder das brot zwischen seinem daumen und dem messer hatte und es so schnitt. ich mochte diesen vorgang und auch wenn er mir ein stück reichte.
ich nahm mir das messer und schnitt speck und brot so wie papa.
der kühlschrank war nur sehr spärlich gefüllt, etwas käse, etwas mehr wurst und milch.
aber 3 verschiedene sorten senf, im eisfach lag doppelkorn.
das schlafzimmer war eisig kalt, alte menschen müssen immer in eisig kalten zimmern schlafen. nur eine seite des bettes war bezogen.
ein rätselheft lag auf der unbezogenen seit, eine lesebrille darauf.
auf dem waschbecken im bad lagen in einem glas voll wasser krajewkis zähne, ich stellte mir das geräusch vor wenn er sich die zähne in den mund steckt.
ich ging wieder zum wohnzimmer, mitlerweile war ich bestimmt eine viertelstunde in der wohnung.
er schnarchte und schlief noch immer.
ich betrat das zimmer.
der teppich war so weich, wie auf wolken ging man, zumindest stellte ich es mir so vor.
ich setzte mich auf den sessel neben krajewski.
ich schaute ihn an, wie sich seine brust hebte und senkte, wie haare aus seiner nase und seinen ohren ragten, die kaffeeflecken auf seinem hemd, dreck unter seinen fingernägeln und die fernbedienung in seiner rechten hand.
ich hätte noch stunden so sitzen und ihn einfach beobachten können, aber ich hatte hunger.
ich stand auf, ging zum sofa, dort lagen drei kissen mit einschlag, so was machen nur frauen dachte ich, alte frauen.
ich nahm eines der kissen, es war eine waldlandschaft eingestickt, ging wieder zu krajewski zurück. ich stand einige minuten hinter seinem sessel. ich legte meinen kopf in den nacken, atmete tief ein, es roch nach spreck und bier und heizungsluft.
ich öffnete die augen schaute zu ihm herunter und drückte ihm das kissen mit aller kraft ins gesicht.
er regte sich viel kürzer als ich es mir vorher vorgestellt hätte, wenn ich es mir vorgestellt hätte.
nach ein paar minuten ließ ich von ihm ab, legte das kissen aufs sofa, schlug gekonnt eine kannte hinein.
ich schaltete den fernseher aus, schaute noch einmal krajewski an und ging in die küche bevor ich den schlüssel von innen ins schloss steckte und die tür leise hinter mir zuzog.
ich schlug einen nagel in die wand zwischen meinem kühlschrank und der kreidetafel, die uhr passte dort wirklich perfekt hin.
2011-02-28
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1 Kommentare:
du lieber himmel, so kam er also zu seinen vielen hübschen wohnaccessoires, dachte herta ginster von gegenüber. sie konnte 1A mit ihrem nachtsichtgerät durch ihren spion krajewskis tür sehen, auch wenn das flurlicht aus war. seit sie nach dem einkaufen den schlüssel in krajewskis tür stecken gesehen hatte, hatte sie ihren beobachtungsposten eingenommen, nicht ohne wie stets vorher die sicherheitskette sorgfältig einzuhängen. man wusste ja nie. als dann endlich der junge mann von oben im dunkeln die treppe heraufgeschlichen kam, so wie er das jeden abend tat, schmerzten ihr schon ihre geschwollenen beine und die arme waren lahm. aber als er dann nach kurzem abwägen krajewskis tür aufschloss und hineinging, verdrängte das adrenalin sofort in ihren adern alle pein. sie notierte die genaue uhrzeit auf ihrem karierten block, der neben der tür auf der kleinen eichenkommode bereitlag und auf dem sie immer ihre einkaufsliste aufschrieb. 20:40 uhr. ihre winzige alte goldene "exkuisit"-damenarmbanduhr war trotz handaufzug sehr präzise.
als der junge mann etwa 20 minuten später wieder herauskam, mit der uhr unter dem arm und die tür hinter sich zu zog, ließ herta ihr nachtsichtgerät sinken und nickte. ihr war schon beim einzug dieses burschen sein sammelsurium von einrichtungsgegenständen aufgefallen. "tjaja, sowas kommt von sowas." murmelte sie leise vor sich hin und schlurfte in die küche, um sich einen kamillentee zu kochen und danach endlich ihre beine hochzulegen. bestimmt hatte sie vom krimi nun schon das wichtigste verpasst.
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